Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4/97 der JKA-Karate, der Informationsschrift des Deutschen JKA Karate
Bundes, erschienen.
Ursprünglich war dieser Artikel nur für Kinder gedacht. Ich bin aber der Meinung, dass auch Erwachsene aus
diesem Text lernen können.
Ich habe ihn etwas verkürzt und an das Jiu-Jitsu angepasst.
Selbstverständich gelten die Überlegungen dieses Artikels aber für alle asiatischen Kampfsportarten.
Bestimmt hat man dich schon gefragt, warum du ausgerechnet Jiu-Jitsu machst. Vielleicht zählst du dann ein
paar nützliche Nebeneffekte auf - daß man lernt sich zu verteidigen, dass man kräftiger und selbstbewusster
wird.
Das klingt vernünftig, und es sieht so aus , als hättest du dir ein sehr brauchbares Hobby ausgesucht.
Trotzdem hören viele nach ein bis zwei Jahren schon wieder auf. Es muß vermutlich ein Problem geben: Machen
sich die Mitglieder falsche Vorstellungen?
Wie ist es mit dir - bist du nicht selbst ein wenig unzufrieden, daß es nicht schneller vorangeht, daß du
schon so lange auf den nächsten Gürtel warten mußt?
Dabei gibst du dir so viel Mühe, kommst zum Unterricht, wenn die Freunde Fußball spielen oder ins Schwimmbad
gehen. Bist eifrig dabei und gehorchst deinem Sensei mehr als deinem Klassenlehrer.
Warum wird der gute Wille so wenig anerkannt ?
Suche nach einer Antwort
Es gibt tatsächlich eine Antwort. Gewiß kommst du regelmäßig und versuchst, alles richtig zu machen, doch du
mußt lernen, durch bessere Konzentration mehr Nutzen aus dem Unterricht zu ziehen.
Alle Schüler (auch Erwachsene) verstehen immer nur einen Teil des Gezeigten auf Anhieb, deswegen legen die
Trainer großen Wert auf das Wiederholen und Üben der Techniken. Sicher wirst du zugeben, daß das Üben das
Gelernte festigt, aber begeistern wird es dich wenig. Statt hartem Training wünscht du dir lieber etwas Neues,
Interessantes.
Doch echtes Können verlangt nun einmal Übung. Deshalb liegt zwischen den Gürtelprüfungen eine Wartezeit zum
Festigen aller bisher erlernten Techniken. Ärgere dich also nicht, wenn dein Lehrer ständig wiederholen läßt.
Versuche lieber deine zahlreichen Fehler abzustellen.
Vom Konzentrieren
Es nützt dir nur wenig, wenn du weißt, wie es sein sollte - du mußt es können.
Im Unterricht sollst du nicht nur nachahmen, was der Trainer unterrichtet - du mußt den Sinn des Ablaufs
verstehen, die Kleinigkeiten beachten. Du möchtest doch gewiß, daß so viel wie möglich haften bleibt. Dazu
gehört, scharf zu beobachten, zuzuhören, dich ganz auf das Lernen und Üben zu konzentrieren.
Damit du nachher sagen kannst "ich habe alles begriffen und war voll bei der Sache".
Graue Theorie? Absolut nicht. Wie alles andere, so läßt sich auch das Konzentrieren erlernen.
Ein kleines Beispiel:
Wenn ich dir etwas Wichtiges sagen möchte, könntest du dich eine halbe Minute lang ganz scharf auf meine Worte
einstellen ?
Kein Problem, wirst du sagen.
Jetzt erkläre ich dir eine Technik, die für dich neu ist. Mache sie vor, weise auf wichtige Punkte hin.
Du bist ganz dabei? Sehr gut.
Machen wir weiter. Ich versuche, dir eine Technik zu erläutern, die du schon lange kennst - ich habe nämlich
festgestellt , daß du noch etliche Fehler machst und unsicher bist.
Ich erkläre, lasse dich üben, erkläre von neuem.
Aber deine Gedanken wandern ab, die Konzentration läßt nach, dein Üben wird rein mechanisch. Kampfgeist,
Willenskraft, scharfes Mitdenken blättern ab. Alles, was ich jetzt sage, was du jetzt übst, geht nicht tief.
Manche Worte kommen nicht mehr an, immer mehr Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen gehen über Bord.
Erkennst du die Ursachen für den Mißerfolg?
Dabei kannst du das Konzentrieren erlernen. Versuche es!
Du beginnst mit 5 Minuten und steigerst die Konzentration später um ein Vielfaches.
Je länger dein Wachzustand anhält, desto intensiver verläuft das Lernen. Leider gehen die meisten viel zu
leichtfertig mit ihrer Übungszeit um. Oft ist ihr Training reine Zeitverschwendung, weil sie nicht mitdenken.
Ich will dir ein Beispiel bringen, wie du beides üben kannst - die Technik und auch die Konzentration.
Du wählst den Schnapptritt, den Mae geri.
Versuche an nichts anderes zu denken, als mit dem Fußballen zu treffen, genau gerade zu treten, und die Hände
vor der Brust zu lassen.
Laß die andern neben dir gedankenlos trainieren, du hast dir eine Aufgabe gestellt und verbindest mit dem
Fußtritt eine kleine aber sehr wichtige Übung.
Und jetzt überprüfe dich - wie lange kannst du die innere Spannung durchhalten ? Über 10 Tritte, vielleicht
sogar über 20 ?
Lob dich ruhig selbst, wenn du mit dir zufrieden bist , du hast es dir verdient. Mach solche Übungen möglichst
oft. Dein Training wird viel bewußter, energischer, zielstrebiger. Du erlernst das Geübte besser als die
andern und schulst dein Konzentrationsvermögen.
Die Bedeutung des Unterrichts
Manche behaupten, sie hätten eine volle Stunde gelernt: Doch sie waren in Wirklichkeit nur eine Stunde
anwesend, und das besagt wenig.
Der Besuch des Unterrichts ist kein Freibrief für Erfolge. Gürtel-Grade erreichst du nicht durch fleißiges
Kommen, sondern durch fleißiges Üben.
Nach jedem Unterricht solltest du dich fragen: War ich wirklich voll dabei, habe ich mitgearbeitet?
Ein kleines Beispiel:
Im Unterricht soll der Moroto Tzuki (Doppelschlag) geübt werden. Zwei Jungen stehen nebeneinander und
trainieren. Der eine ist nach 10 Minuten noch völlig frisch. Der andere hat sich mit ganzer Kraft eingesetzt,
und sein Gi klebt am Körper.
Beide behaupten, sie hätten pausenlos geübt. Aber während der eine Junge nur zum Schein trainiert hat, übte
der zweite die Technik, das richtige Atmen, den Hüfteinsatz, die Muskelspannung.
Wer so trainert wie der erste Junge, der wird leider nicht weiterkommen. Weder sein Stil, noch seine
Leistungen werden sich ändern, denn er tritt auf der Stelle. Es würde sich nicht einmal etwas ändern, wenn
er ein weiteres Mal in der Woche Unterricht hätte. Durch Leerlauf und gedankenloses Mitmachen wird er noch
lange seinen jetzigen Gürtel tragen müssen - falls er sein Leistungstief nicht selbst begreift und sich ändert.
Die Wartezeiten zwischen den Prüfungen sind nur ein Zeitbegriff. Es zählt die Leistung, und nicht die
vertrödelten Wochen und Monate. Deshalb mußt du dich immer fragen: Hat sich mein Leistungsstand soweit
verändert, daß ich den nächsten Kyugrad verdiene?
Die Praxis
So wie man eine Technik mit wechselnden Schwerpunkten üben kann, lassen sich auch Schlag- und Tritttechniken
mit immer neuen Akzenten trainieren. Versuche, stets mit zu denken und dich dabei zu überprüfen. Schon bald
wirst du den Leistungszuwachs spüren, denn du erlebst viel schneller einen Erfolg, wenn du dir über den Sinn
jeder Bewegung im Klaren bist.
Nimm einmal an, du möchtest den Yoko Geri üben. Voraussetzung ist, daß du die Gesamtbewegung begriffen hast -
das Anziehen des Knies, das Drehen um 90°, das Strecken des Beines, die korrekte Fußhaltung, die richtige
Endstellung.
Jetzt kannst du beim Üben nacheinander auf einige Punkte achten :
· den Blick nach vorn richten
· die Hüfte einsetzen
· Körperspannung und festen Stand anstreben
· dir deutlich eine echte Kampfhandlung vorstellen
· das richtige Ausatmen/der richtige Kiai
· etc.
Lasse dir weitere Möglichkeiten einfallen und wechsle ständig die Schwerpunkte, zwinge dich zum Mitdenken,
damit dein Training nie oberflächlich und seelenlos wird.
Mit System weiterkommen
Es geht um das Verarbeiten des Gelernten und um Fehlerkorrekturen.
Das Prinzip ist einfach: Du besorgst dir ein kleines Heft und trägst kurze Bemerkungen ein - Fehler und
Mängel, auf die du beim letzten Unterricht gestoßen bist oder auf die dich dein Trainer hingewiesen hat.
Nun gehst du daran, täglich ein paar Minuten das Gröbste abzustellen, du mußt also etwas üben, bei denen der
Fehler auftritt. Wohl gemerkt - nur einen einzigen Fehler aussuchen! Das ist ganz wichtig.
Laß ihn eine Woche in deinem täglichen Übungsplan, und du wirst sehen, daß er schon bald nicht mehr vorkommt.
Du hast ihn förmlich ausradiert.
Jetzt nimmst du dir den nächsten Fehler vor, und mit ihm machst du es ebenso. Rechne dir aus: in 6 Monaten
kannst du auf diese Weise rund 25 Fehler abstellen. Deine Techniken sind dann so gut geworden, daß es auch
anderen auffällt.
Vor allem hast du einen starken Auftrieb und, wie man es heute gern sagt, "ein total starkes Motiv". Es gibt
deinem Training eine neue Note: Du setzt dir Ziele und verlegst dich darauf, laufend Fehler abzustellen. Vom
Ausfeilen des Gröbsten kommst du immer mehr zu Feinkorrekturen "für Könner".
Wie könnten die Eintragungen aussehen? Am besten kurz und einfach, etwa:
· beim schlagen nicht nach unten sehen
· Sauberer Stand
· Techniken nicht so hastig üben, sondern lieber etwas langsamer und sauberer
· Handhaltung bei Shuto Uchi (Handkantenschlag) vor dem Spiegel überprüfen
· Ein- und Ausatmen besser kontrollieren
So oder ähnlich sollte es aussehen. Überlege nicht lange, sondern fang gleich damit an!